HEIL HITLER statt GUT HEIL – Turnen im Dritten Reich

Franz Keller    Turnerpyramide1933

Links: Franz Keller, Ehrenmitglied und Mitbegründer des TV Illingen mit der damals übliche Turnermütze.
rechts: Turnerpyramide des TVI anlässlich der Elfhundert-Jahr-Feier Illingens  im Jahr 1933; in der Bildmitte Turnwart H. Thom; Optimieren der Fotos durch Anklicken!

Im Rahmen des 125-jährigen Jubiläums des TV Illingen wurde auch die Vereinschronik überarbeitet. Sie spiegelt den Aufstieg des Nationalsozialismus. Viele Turner wurden eine leichte Beute, was sich gut erklären lässt:
Die Turnbewegung, die sich auf den „Turnvater“ Friederich Ludwig Jahn gründete, hatte neben der sportlichen immer auch eine politisch-nationale Komponente. Die Nationalsozialisten nutzten dies geschickt aus, zogen alle Register, um die Turner für ihre Zwecke zu gewinnen. Der Vereinsvorsitzende hieß ab 1933 „Vereinsführer“, der Turnergruß „Gut Heil“ wurde ersetzt durch „Heil Hitler“. Neue Ämter wurden geschaffen, sie bekamen germanische Bezeichnungen. Jeder Turnverein ernannte einen Dietwart, der ab 1934 dem Dietwart des Reichsbundes für Leibesübungen unterstellt war. Diet kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Volk. Der Dietwart war also der Volkswart, er war Pfleger des Rassebewusstseins, der völkischen Haltung. In Dietabenden und Dietprüfungen wurde diese Haltung bei den Sportlern kontrolliert. Eine bedrückende Tatsache: Die Turner haben versucht, sich unter ihrem „Führer” Edmund Neuendorff als weitere Kolonne neben SA und SS zu etablieren und die gesamte Sportbewegung zu vereinnahmen. Ohne Not trennte man sich von seinen jüdischen und seinen sozialistischen Mitgliedern. Das Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart sollte die Übernahme besiegeln. Doch es kam ganz anders, die NSDAP hatte andere Pläne. Als Vorbild diente ihr das faschistische Italien mit seinem Modell des Staatssports. Es entstand der Reichsbund für Leibesübungen. Dort war das Turnen nur noch ein „Fachamt“, eine unselbstständige Abteilung.
Die Nazifizierung spiegelt sich in den Sitzungsprotokollen der Turnvereine. Die kritiklose Akzeptanz des Geschehens mutet aus heutiger Sicht unverständlich an. Stellenweise hatten die Protokolle geradezu den Charakter von Nazipropaganda. So heißt es am 27.1.1935 im Jahresbericht des “Vereinsführers” Heinrich Briese, dass einige Mitglieder, die mit der neuen Richtung nicht einverstanden waren, den Verein verlassen hätten – “dieser Verlust aber wurde durch zahlreiche Neueintritte ausgeglichen”.
Kein Wunder also, dass die Protokolle nach dem Krieg im Rahmen der Entnazifizierung allerorts verschwanden, niemand wollte Ärger mit den Siegermächten. Die Protokolle des TV Illingen/TV Gennweiler überlebten, auch die des TV Hüttigweiler. Letztere sind eine große Ausnahme, denn dort findet sich Kritik am rigorosen Vorgehen der neuen Machthaber. In der lesenswerten Chronik des TV Hüttigweiler steht folgendes Zitat aus der Rede eines Vereinsvorsitzenden anlässlich eines Familienabends im Herbst 1935: "Den Namen Turnverein hat man uns genommen, jetzt heißen wir leider „Verein für Leibesübungen“, aber im Herzen sind und bleiben wir Turner“. Welcher Mut musste zu einer solchen Äußerung gehören, wo doch die neuen Machthaber selbst die geringste Kritik rabiat ahndeten! Recherchen des ehemaligen Hüttigweiler Ortsvorstehers Walter Schreiner haben ergeben, dass der besagte Vereinsvorsitzende mit hoher Wahrscheinlichkeit Nikolaus Zimmer war. Fest steht, dass der Vorstand des TV Hüttigweiler geschlossen zurücktrat.
Die TVI-Chronik, zu finden unter www.tv1894illingen.de, bietet viel Interessantes, über das man heutzutage nur staunen kann. Ein Beispiel: In den Zwanzigern verjagte man im TVI alle Turner, die auch im Fußballverein mitmachten, was den TVI an den Rand der Existenz brachte: 1929 wird der Turnbetrieb eingestellt, der Mitgliedsbeitrag halbiert. Ironie der Geschichte: Dieses Jahr hat der TVI den balltretenden „Erzfeinden“ von damals Unterschlupf gewährt, die Flag Footballer White Terriers gehören nun zum TVI, ganz im Sinne des Vereins-Slogans „Im TVI gibt’s mannigfach Tolles unter einem Dach“.
Nach dem Krieg konnte sich das Vereinsleben nur sehr langsam wieder entwickeln. Die Siegermächte hatten allen sportlichen Organisationen jede Betätigung untersagt. Insbesondere das deutsch-nationale Gemeinschaftsbewusstsein der Turner sollte ausgelöscht werde. Geräteturnen blieb untersagt, aber die Turner konnten sich in Omnisportvereinen betätigen. Erst 1950 wurde das Omnisportprinzip aufgehoben. Die Vereine werden wieder selbstständig. Die Neugründung des TV Illingen erfolgte am 25.03.1950.
In den Folgejahren öffnet sich der Verein, es werden neue Abteilungen gegründet: 1955 die Leichtathletik-Abteilung, 1959 die Basketball-Abteilung, 1976 die Volleyball-Abteilung, 1984 kommen Badminton und Hockey dazu. Zum Renner wird die Fitness-Abteilung mit zahlreichen Angeboten.
Die Geschichte der Leichtathletik-Abteilung liegt lückenlos vor, sie findet sich auf dieser Website unter Geschichte.

Geschrieben von wolfiweber

1. September 2019 um 19:34

Abgelegt in Das Jahr 2018

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